Heutzutage dürfte sich Stephan Hassel nicht mehr so gezielt darüber ‘Aufregen’, dass sich unsere Generation des neuen Jahrhunderts über nichts mehr empört. Wir empören uns; wir empören uns sogar über alles und jeden. Über das lästige Kleinkind, das uns nach einer hart durchzechten Nacht am Donnerstagvormittag wachbellt. Oder über die öffentlichen Verkehrsmittel, die zu spät kommen. Eben über die kleinen Dinge im Leben.
Aber natürlich richtet sich die Schrift von Hassel „Empört euch“ nicht gegen diese kleinen Bagatellen, die wir alle morgendlich zu spüren bekommen.
Dennoch, selbst in einem größeren Spektrum betrachtet, empören wir uns, und damit meine ich UNS, die Internetgeneration, die Generation Y, die Millennials. Sehr häufig und sehr schnell und hin und wieder sehr aggressiv. Der ‘Shitstorm’: eine gefürchtete Waffe der Massen. Die neue, kleine, bescheidene Art, um Revoluzzer zu spielen.
Und auch, wenn Shitstorms schon des Öfteren zu positiven Aufmerksamkeitsschüben geführt haben – denken wir dabei an den Skandal um Nestlé –, kann man sich daran tatsächlich noch erinnern?
Sind wir in einer Gesellschaft angekommen, die sich zwar empören will, die sich sogar auf aggressivste Weise empört, aber es schlussendlich bei der Empörung belässt?
Stören wir uns nicht lauthals an der Gier der Banken, am sprühenden Hass der PEGIDA gegenüber Flüchtlingen, gegen unseren zu sehr amerikanisierten Lebensstil und die davon beeinflusste Politik der Regierung und der Wirtschaft?
Doch! Wir stören uns daran. Ich kann kaum einen Abend verbringen, an dem nicht ein solches Thema aufgegriffen wird, worüber lautstark diskutiert und sich empört wird. Leidenschaftlich. In solchen Momenten spüre ich noch einen warmen Hauch des ehemaligen Hurrikans, der 1968 über die Länder der westlichen Welt hinweg gefegt ist.
Jedoch zerschellt die Welle noch am selben Abend ihrer Geburt und verläuft sich am Strand des nächsten Morgens. Die Welt dreht sich, wie sie sich schon immer gedreht hat. Die Tage vergehen weiter in dem blassen Schimmer der Unvernunft und der Verzweiflung.
Warum können wir uns empören, können wir darüber zuhause diskutieren, aber Taten bleiben aus?
Muss nicht endlich aus dieser Empörung der Zorn entstehen, der Antrieb zu Veränderung? Dieser Antrieb, der Menschen dazu bewegte, gegen ihre Eltern aufzubegehren, oder gegen den Staat, oder gegen ungerechte Autoritäten.
Es scheint vielmehr, dass heutzutage nur noch die irrationalen Auswüchse der Empörung die Menschen bewegen, sich auf die Straße zu begeben. Allerdings führt diese Form der Irrationalität nur zu Hass.
Und Hass macht auf dem einen Auge blind – und bei Weitem nicht nur auf dem Rechten – und erzeugt auf dem anderen Auge einen beschönigenden Schleier der Selbstwahrnehmung und Selbstüberschätzung.
Selbstverständlich hatte Stephan Hassel einen Antrieb, einen Grund zur Empörung. Die Unterdrückung durch das Nationalsozialistischen System pflanzte in so manchen Menschen den Samen der Empörung. Aber müssen wir heutzutage tatsächlich zunächst wieder an diesen Punkt gelangen?
Lassen wir also einmal wieder Dampf ab und regen uns auf; stören wir uns an den Ungerechtigkeiten in der Welt. Aber wir sollten nicht in den sozialen Medien mit der Entrüstung aufhören, sondern viel mehr diesen Zorn in die Realität holen.