Herr Plake, das alles ist kein leichtes Thema, und so schwer es uns auch fallen wird, Sie zu verstehen, umso unbegreiflich schwerer muss es für Sie sein, das zu beschreiben, was Ihnen geschehen ist. Können Sie in ganz einfachen Worten für die, die mit diesem Phänomen noch nicht vertraut sind, beschreiben, was geschah?
Nun, ich erlebte eine Art der Realitätsumwandlung. Wie soll ich sagen; die Propotionen, mit denen wir unsere Welt wahrnehmen, gelten nicht mehr für mich.
Inwiefern nehmen wir die Welt in bestimmten Proportionen wahr und wie haben sich die Ihrigen verändert? Mir ist es neu, überhaupt so über unsere Realität zu denken.
Weil Sie nie den Schmerz spürten, wenn sich die Proporitonen verschieben – erst dann merkt man, dass alles seine rechten Proportionen hat. Die Symmetrien, mit denen unsere Geometrie erst funktionieren kann, sind genau abgestimmt.
Von welchen Geometrien sprechen sie?
Vor allem von der euklidschen. Denn sie ist es, mit der wir vor allem in Berührung kommen. Obwohl natürlich die riemannsche Geometrie unsere Welt viel besser beschreibt, haben wir doch kein gefühlsmäßige Verbindung zu ihr. Das Bezugssystem, in dem wir unseren Alltag fristen, zwingt uns in die starre euklidsche Geometrie. Wir kennen erfahrungsgemäß nur diese Metrik. Und wenn diese nun eine andere wird, fühlt sich alles nicht mehr richtig an.
Also meinen Sie, Sie hätten ihr Bezugssystem geändert? Das ist es, was Ihnen widerfuhr?
Ja und nein. Ich wollte damit veranschaulichen, weshalb wir in bestimmten geometischen Bildern denken, ohne uns darüber bewusst zu sein. Wir gehen einfach davon aus, dass sich zwei gerade Linien irgendwann kreuzen müssen, wenn sie nicht parallel zueinander liegen. Obwohl unsere Mathematiker schon lange gezeigt haben, dass dies nicht so sein muss, ist das nicht in das Bewusstsein der Menschen eingedrungen. Doch würde uns das erlauben, Phänomene zu verstehen, die uns sonst ein Rätsel blieben.
Und genau so ein Rätsel ist ihnen widerfahren?
Genau. Ich kann die Welt nicht mehr in gewohnten Bahnen wahrnehmen. Was früher eine perfekte Symmetrie aufwies, tut es heute nicht mehr. Der Kreis ist noch immer rund, aber er hat seine Symmetrie verloren. Nicht mathematisch – diese Symmetrie ist noch da. Aber er fühlt sich nicht mehr rund an. Ich bin gezwungen, ihn von einer Perspektive aus zu betrachten, die eine komplexere Art von Symmetrien aufweist. Ich sehe dafür Symmetrien, wo ich früher Chaos gesehen hätte. Fraktale Strukturen zum Beispiel. Wir wissen, dass diese mathematischen Symmetrien gehorchen, und sie haben eine gewisse anziehende Schönheit, aber wenn ich jetzt eine Staude Brokkoli betrachte, dann spiegelt sich die Harmonie des Universums darin. Das, was klein ist, findet sich im Großen wieder. Es ist eins geworden. Ich kann Dinge von unterschiedlicher Größe nicht mehr trennen. Das meinte ich mit Proportionen. Wir sehen Dinge als groß oder klein an. Aber für mich ist das nicht mehr so. Die Größen aller Dinge verschieben sich die ganze Zeit. Es gibt keine Starrheit mehr. Die Metrik meiner Realität ist lebendig geworden.
Wann trat dies zum ersten mal auf?
Ich erinnere mich an Erfahrungen in meiner Kindheit, in dem dieses Gefühl wie als Samen bereits enthalten war. Damals schrie und weinte ich, weil ich diese Falschheit nicht ertragen konnte. Heute weiß ich, dass Dinge, die wir als falsch ansehen, häufig nur das Fremde sind, das wir noch nicht verstehen. Daher kommt unser Grauen. Aus unserer Unfähigkeit, zu verstehen. Ich spürte damals des Nachts, wie sich die Welt verzog. Dass das zu groß war, was klein sein sollte. Dass das zu klein war, was groß sein sollte. Nichts passte zusammen.
Es ist schwer, dieses Gefühl zu vestehen, wenn man es nie erlebte. Stell dir vor, du hast eine Sackkarre in der Hand, mit dieser hebst du ein Sofa von hinten auf. Nun stell dir vor, dass das Sofa größer und größer wird. Immer größer. Gigantisch groß. Spür das. Wie klein du im Vergleich zu dieser gigantischen Größe bist. Spür das. Wenn du das spüren kannst, verstehts du, worauf ich hinaus will.
Also würden Sie das alles eher als unangnehm beschreiben?
Nein, nur am Anfang.
Und nun?
Es wurde zu meiner Realiät. Das Normale beschreibt man nicht mit Worten wie angehem oder unangenehm.
Doch sehen Sie einen Gewinn darin?
Ja, denn anders wäre mir die Konitinuität des Universums niemals klar geworden. Unser Universum ist ein Hologram, in jedem Teil ist das Ganze. Man kann nichts trennen. Das Kleinste ist in einer anderen Sichtweise das Größte und umgekehrt. Die ganze Welt ist im kleinsten Teil begriffen. Unserer normale Warhnehmung von Größe verhindert, dass wir dies begreifen.
Wenn Sie von Kontinuität sprechen, geht es Ihnen mehr um die physikalische oder psychische Sicht?
Auch hier kann ich nicht mehr unterscheiden.
Es ist, als ob man unter einem Fenster liegt und die Wolken beim Vorbeiziehen beobachtet. Irgendwann fühlt es sich so an, als würden sich nicht mehr die Wolken bewegen, sondern als würde man sich in einem wandelnden Haus befinden.
Früher war mein Geist das Haus, aus dem ich die Welt, die sich bewegenden Wolken betrachete. Doch heute wird mir immer mehr klar, dass sich unsere Unterscheidung zwischen Psyche und Physik daraus ergibt, dass wir fest in einem Bezugssystem stecken. Der Wechsel von einer physikalischen und einer psychischen Weltsicht ist ein Koordinatenwechsel im mathematischen Sinne.
Können Sie das für Menschen erklären, die sich mit Koordinatentransfomationen nicht auskennen?
Man kann in der Mathematik und Physik Koordinaten festlegen, in denen man Gleichungen angibt. Das sind meist die gewohnten x,y, und z-Achsen, man kann aber auch Koordinaten auf einer Kugel definieren. Dann gibt man den Standpunkt nicht mit den drei eben genannten Längen an, sondern man nimmt den Radius und zwei Winkel. Dies macht in vielerlei Hinsichten Sinn. Gleichungen, die Geschehnisse auf einer Kugel beschreiben lassen, sind so viel einfacher zu beschreiben. Ja, manche Gleichungen lassen sich nur dann lösen, wenn man in das richtige Koordinatensystem wechselt. Ein Koordinatensystem gibt uns also den Standpunkt an, von dem wir die Welt beschreiben. Je nach dem, wie ich diesen wähle, sieht meine Beobachtung anders aus, obwohl sie in ihrer Essenz die gleiche ist. Die Anschaung einer Sache, ihr Schein, ist nicht gleich ihr Sein.
Sie meinen also, dass Sie jetzt in das wahre Sein der Dinge blicken können?
Ich würde mir so eine Überheblichkeit nicht anmaßen wollen. Das einzige, was ich verstand, ist, dass ich mich mein ganzes Leben lang geirrt habe. Die Realität ist nicht ansatzweise das, was wir denken, was sie ist.
Sie würden also nicht wieder zurück wollen in einen normalen Zustand?
Nein.